Mit der Lüge leben

 
Es liegt eine schwere in der Zeit vor dem Ostersonntag in der Luft, die kaum auszuhalten ist.
Die Tageszeitung kommt in sattem, flächendeckendem Schwarz

auf den jeweiligen beiden Titelseiten daher. Eine fast ausgestreckte Hand in der Mitte – aber das Schwarz überwiegt.

Und mir fehlt (obwohl mangels vieler Jahre nicht als Tradition verankert) das Osterfest in diesem kleinen beschaulichen Haus in Kärnten, wo die Oldies meiner ehemaligen Patchworkfamilie eine heile Welt entstehen lassen, wann immer man dort ist.

Es ist also gerade nichts heil. Und so schleppe ich mich, mühsam aufgerafft, durch die hektische Altstadt, einem Mutter-Sohn-Gespann ausweichend, das mit ihrem gut gefülltem Korb dennoch zu spät zur Osterspeisenweihe kommt.
Natürlich habe ich gelernt, auch an weniger guten Tagen, das „Beste draus“ zu machen, aus jeder kleinen und blöden Episode noch etwas positives herauszuklauben.

Das Leben war mir stets ein strenger Lehrmeister.

Mir ist viel genommen worden und ich habe auf diese Weise gelernt, mit der Katastrophe zu leben, sie zu überleben. Aber manchmal will es auch mir nicht gelingen, schön zu färben. So eine Zeit ist dieses Ostern für mich heuer. Schwer und schwarz.

Warum ist mir das alles nicht einfach egal? Das hat doch nichts mit mir zu tun. Woher rührt meine Traurigkeit? Später werde ich mit meinem Sohn in einem riesigen Kinosaal mit fünf anderen Zuschauern sitzen und mir vorkommen, als würde in der Stadt eine Riesenparty gefeiert, nur leider sind wir nicht eingeladen. Aber warum ist mir das alles nicht egal?

Aus dem Kino gehend, habe ich das Gefühl, dass die anderen Menschen dieser Stadt gerade bei der Bescherung glücklich versammelt sind, nur ich muss die Zeit armselig im Kino totschlagen (Weihnachten ist es sogar noch unmöglicher, dem kollektiven Geschehen zu entfliehen).

Und damit taste ich mich zum Kern der Dinge.

Es ist das Dazugehören. Teilhaben, an den Dingen, die eine große Gruppe bewegt. Den Regeln folgen, die eine große Gruppe lenkt. Wir sind soziale Wesen und können allein nicht überleben. Deswegen ist die Zughörigkeit eines der wichtigsten und menschlichsten Dinge. Vielleicht ist das sogar der wundeste Punkt unserer westlichen Zivilisation. Denn denkt man in die schlechteste Richtung zu Ende, kommt man mühelos sofort zu den radikalen Gruppen. Hier sind wir als Kollektiv anscheinend am verwundbarsten.

Trotzdem zurück zu meinem Oster-Blues: Warum ist mir das alles nicht egal?

Und – was wäre, wenn man ganz genau hinschaut?

„Traust du dich, mit deiner Meinung alleine zu sein?“

Es werden jetzt viele im Kopf mit „Ja, klar“, „Natürlich“, „ Selbstverständlich“ antworten.

Was, wenn ich behaupte, das Ostern und Weihnachten beides gestohlene Feste sind? Krücken, denen man sich bedient?

In meinem Umkreis befinden sich genau zwei Menschen, die auch außerhalb dieser Zeiten eine Kirche besuchen (und zwar als Gläubige, nicht als Touristen). Einer davon tut dies beruflich, er ist Pfarrer. Die andere ist im strengen Glauben erzogen und lebt mittlerweile eine Nähe zu Gott, die mit vielen Fragen, vielem Hadern und vielen inneren Kämpfen verbunden ist. Auf Facebook würde man anhakeln „Es ist kompliziert“. Aber auch die beiden leben innerhalb dieser christlichen Welt eine Lüge. Besser: Lebten. Mittlerweile nicht mehr, der Pfarrer ist im Ruhestand und die Lüge braucht es nicht mehr. Die beiden sind seit über 30 Jahren ein Paar.

Dennoch stand dieser Pfarrer jahrzehntelang vor seiner Gemeinde, um zu predigen. Hat Lebensbünde „bis das der Tod euch scheide“ geschlossen (wie viel davon sind wohl inzwischen Geschichte?), hat Babies getauft, die noch nicht einmal wussten, wie ihnen geschieht (später werden diese Kinder maximal zu Weihnachten oder zu Ostern eine Kirche von innen sehen) und vielleicht bei dem einen oder anderen Mal von der Kanzel sogar von der Pflicht zur Wahrheit gesprochen. Hoffentlich.

Also nochmal: „Traust du dich, mit deiner Meinung alleine zu sein?“. Ich glaube kaum.

Wir nehmen uns heraus, mit der Lüge auf Augenhöhe zu leben. Einen Pakt einzugehen, mit der Unwahrheit. Im kleinen, wie im großen. Jeden Tag. Wahrheit ist zu unbequem, zu anstrengend, zu unfreundlich, zu verstörend.

In diesem Sinne: frohe Ostern.

 

 

* Für meine deutschen Freunde und Leser: Ostern ist hier, in meiner Wahlheimat, dank der vielen Katholiken, ein ebenso heiliges und hoch gehaltenes Familienfest, wie Weihnachen.

 


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