Graz, mon amour.

Eine Liebeserklärung an eine Stadt, sentimental, subjektiv und voreingenommen. So wie man eben Dinge und Menschen sieht, die man liebt. Jeder, der schon einmal sein Baby von oben bis unten säubern, jeder, der sein krankes Tier und dessen Hinterlassenschaften handlen musste, jeder, der einer vergeblichen Liebe nachtrauert, kann das bestätigen.

Die Menschen, Tiere und Dinge werden schöner, wenn wir sie lieben.

Wir haben uns erst spät kennengelernt.

In meiner Jugend waren die gängigen Reiseziele Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland. Mit dem Älterwerden, mit den gewachsenen Ansprüchen an Unterkunft und Kultur, mit der wenigen Zeit, die man im Berufsleben hat, wurden meine Reisen kürzer und gingen – wenn überhaupt aus den Grenzen Deutschlands hinaus – eher in die Nachbarländer mit Meerzugang. Auf die Idee nach Österreich zu reisen, um Urlaub zu machen, kam ich nie. Familiär zog es mich ab und an nach Wien und ich muss zugeben, in meinem Vagabundenleben habe ich tatsächlich in jungen Jahren einmal versucht dort Fuß zu fassen, fand mich aber einige Monate später ausgespieben von der großen Stadt, in der alles so monumental ist: Kscht, schleich di wieder in die alte Heimat.

Wobei ich mit den Begriff Heimat vorsichtig sein muss. In Wirklichkeit habe ich so etwas wie Heimat nie kennengelernt. Von meiner Mutter als Kind allzuoft entwurzelt, hatte ich keine Gelegenheit, Heimat an einem Ort festzumachen. Lange Zeit war Heimat für mich ausschließlich mit den Menschen verbunden, mit denen ich lebe, also eben genau nicht geografisch festgelegt. Heute kann ich erkennen, dass dies ein Ersatzgefühl ist, notwendig für ein Kind, für eine Jugendliche, eine junge Frau, die sonst in der Welt verloren gehen würde, ohne Anker zum anlanden. Ich weiß nicht, ob es allen Menschen so geht, aber ich war zeit meines Lebens auf der Suche nach Heimat. Natürlich gibt es für den Begriff als solchen keine klare Definition, und es würde auch diesen Text sprengen, darauf erschöpfend einzugehen, aber ein wenig will ich noch verweilen bei diesem Wort, weil eine Stadt gewissermaßen ja die Grundvoraussetzungen erfüllt, so etwas wie Heimat zu bieten. Und darum geht es ja im Kern: Raumorientierung, soziale und kulturelle Einbindung, Sicherheit. Das sind vielleicht die Grundfesten, an denen der Heimatbegriff aufgesetzt werden kann.

Und hier kommst du für mich ins Spiel, Graz.

Klein genug, um Orientierung und Halt zu geben. Groß genug, um kulturell interessant und vielfältig zu sein. Provinziell genug, um Nähe zuzulassen, großstädtisch genug, um sich Architektur wie das Kunsthaus zu leisten.

In loser Reihenfolge gibt es hier also kleine Liebesbriefe an meine Stadt, in der ich ein Zuhause gefunden habe.

Mein daheim.


 


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